Lesenswerte Bücher

Katharina Münk: Höhenflüge und Höllenfahrten. Was eine Chefsekretärin im Fahrstuhl erlebt, Eichborn-Verlag, Frankfurt/Main 2007, ISBN: 978-3-8218-5683-4, 14, 95 Euro.

Blind Date im Fahrstuhl

Wenn die schweren Türen zur Seite fahren und je nach Standort den Blick auf die Außen- oder Innenwelt freigeben, ist das sowohl für die zusteigenden als auch für die sich bereits in der Kabine befindenden Personen ein Überraschungsmoment. „Fahrstuhl fahren ist wie eine Wundertüte im grauen Büroalltag“, sagt Katharina Münk. Ihre täglichen Erlebnisse auf den letzten Höhenmetern in ihr Büro im 18. Stock schildert sie in „Höhenflüge und Höllenfahrten“, ihrem zweiten Roman aus der Arbeitswelt. Die Autorin ist Chefsekretärin. Schriebe sie unter ihrem richtigen Namen, wären ihre zukünftigen Aufzugfahrten vermutlich einsame Angelegenheiten. Denn wer steigt freiwillig in die Kabine zu einer Frau, die sein Aussehen, seinen Geruch, sein Gepäck und seine Handy- und Kollegengespräche danach literarisch seziert.
Die hierarchische Struktur eines Unternehmens erkennt man daran, wer in welchem Stockwerk morgens aus- und abends einsteigt. Katharina Münk fährt zwar immer nach ganz oben, aber als Sekretärin des Chefs gehört sie weder „oben“ noch „unten“ dazu. Sie erfährt im Fahrstuhl Manches, wovon ihr Chef keine Ahnung hat. Ihm wäre es am liebsten, wenn sich der Fahrstuhl auf „ohne Zwischenstopp“ programmieren ließe und ihm dadurch ein Zusammentreffen mit seinem „Humankapital“ ersparen würde. Denn Herr Dr. Krämer fährt am liebsten allein und unbeobachtet nach oben, weshalb er es in der Regel auch erst dann tut, wenn alle Mitarbeiter längst an ihren Schreibtischen sitzen. Aber falls sich ein Zusammentreffen in der Kabine nicht vermeiden lässt, verstummen bei seinem Zustieg ohnehin augenblicklich alle Gespräche.
Dr. Krämers Vorzimmerdame ist dann natürlich schon längst an ihrem Arbeitsplatz, hat Kaffee gekocht, Zeitungen, Post und E-Mails geordnet. Ist ihr Chef nicht da, kommt Frau Münk schon mal später – und alle, die dann mit ihr im Aufzug stehen, meinen zu wissen: „Heute hat sie einen ruhigen Tag.“
Es ist nur ein Mikrokosmos, den die Autorin beschreibt. Erstaunlich, dass darin alle Höhenflüge und Höllenfahrten des menschlichen Lebens enthalten sind.



Annette Pehnt: Mobbing, Piper Verlag, München 2007, ISBN: 978-3-492-05070-8, 16,90 Euro.

Durchgriff aufs Familienleben

Das Thema „Mobbing“ kommt häufig in Berufsratgebern vor. Noch nie aber hat ein Roman es in den Mittelpunkt gestellt. Annette Pehnt ist die erste Autorin, die das heiße Eisen quasi autobiografisch anfasst. Aus der Sicht der Ehefrau schildert sie die Veränderungen an Joachim, dessen Arbeit und Persönlichkeit von seinen Kollegen nur scheinbar geschätzt wird. Erste Anzeichen für das Abdrängen in eine Außenseiterposition werden nahezu ignoriert und zu Hause von der Partnerin klein geredet. Vielmehr ermuntert ihn die Ich-Erzählerin zu mehr Kommunikation mit den Kollegen auch außerhalb des Büros. „Mir wird das zu teuer, und es dauert so lange, ich kann nicht ständig mit ihnen essen und trinken“, hält er dagegen.
Schleichend vergiftet das für Joachim schlechte Betriebsklima auch das Familienleben. Während ihres mit einem Kleinkind und einem Säugling ausgefüllten Tages beschäftigt sich die Frau gedanklich immer wieder damit. In den wenigen zweisamen Stunden gelingt es dem Mann nicht, sie vollständig auf seine Arbeitsplatzsorgen einzuschwören. Sie streiten häufig und können den Teufelskreis von Selbstzweifeln, Verdächtigungen und Anschuldigungen nicht mehr durchbrechen. Es gibt keine Hilfe von außen. Der Freundeskreis reagiert mit Unverständnis. In dieser Situation wird der Briefumschlag mit der fristlosen Kündigung beinahe als Erlösung empfunden.
Annette Pehnt schafft mit der ihr eigenen klaren und nüchternen Sprache Emotionalität. Der Leser ist unfähig, Partei zu ergreifen, ist ebenso verstrickt und ratlos wie die Protagonisten. Denn im Arbeitsleben ist Justitia subjektiv. Jeder wähnt sie auf seiner Seite, auch die Mobber. Darüber, wie sich ihr Verhalten auf das Lebensglück von Joachim auswirkt, scheinen sie sich keine Gedanken zu machen, eher darüber, wie sie seinen jahrelang praktizierten Umgang mit Aktenvorgängen neu zu seinem Nachteil bewerten. Zwar schlägt sich Justitia auf Joachims Seite, aber sein Selbstvertrauen und die sichere Lebensbasis hat er verloren. Nichts wird je wieder so sein wie vor dem „Mobbing“.



Wolfgang Templin: Farbenspiele - Die Ukraine nach der Revolution in Orange, fibre-Verlag, Osnabrück 2007, ISBN 978-3-938400-22-7, ISBN-10: 3-938400-22-6, 24 Euro.

Ukrainische Farbenspiele

„Wer in der Zukunft lesen will, muss in der Vergangenheit blättern“, schrieb der französische Schriftsteller und Politiker André Malraux. Wolfgang Templin hat in der Vergangenheit der Ukraine mehr als das getan. Das ist schon deshalb ein schwieriges Unterfangen, weil das Land seit Erlangung der Unabhängigkeit 1991 noch immer selbst auf der Suche nach seiner nationalen Identität ist. Templin, ausgewiesener Kenner der osteuropäischen Transformation, gelingt es, einen prägnanten Erinnerungsbogen zu ziehen und die Ukraine nach der Revolution in Orange im Kontext mit der sowjetischen Geschichte und den hegemonialen Vorstellungen Putins zu betrachten.
„Für die Nationalitätenpolitik Lenins und später Stalins spielte die Ukraine eine Schlüsselrolle. Ihre knapp 30 Millionen Einwohner sollten als sprachlich und kulturell different in den sowjetischen Vielvölkerstaat integriert werden.“ Diesem Ziel entsprach die Steigerung des Anteils ukrainischer Vertreter in der politischen Elite Moskaus. Dass ausgerechnet Leonid Breschnew, der in einem Dorf bei Dnjepropetrowsk aufgewachsen war, so wenig Gespür für ukrainische Belange zeigte, ist nur eine der historischen Tragödien, die bis heute den Prozess der nationalern Selbstfindung behindern. Nach dem Zweiten Weltkrieg zum Material- und Ersatzteillager der Sowjetwirtschaft degradiert, erstarkt es erst unter Gorbatschow, ohne dass dieser es wahrnimmt: „Perestroikadämmerung“.
Seine erzählerische Dichte der Vergangenheitsbewältigung erreicht das Buch im zweiten Kapitel, das den Weg des Staates von der Unabhängigkeit (1991) bis zum Majdan (2004) nachvollzieht. In dieser Phase zeichnen sich grundlegende Entwicklungsalternativen ab, die in Russland mit der Ära Putin in eine gängelnde Ukrainepolitik münden und im Ausland als Stillstand und Phlegma wahrgenommen werden. In der Ukraine selbst ist eine politisch unreife Bevölkerung „überforderten Fachleuten, unfähigen Bürokraten, Hasardeuren und Geschäftemachern“ ausgeliefert, „die mit atemberaubender Unverfrorenheit Millionen- und Milliardenwerte an sich rissen“. Vom „Weg in den Erpresserstaat“ bis zur „Agonie des Erpresserstaats“ beschreibt der Autor die Entwicklungen von Kutschmas postsowjetischen Methoden bis zu seiner Schwächung durch die geheimdienstgesteuerte Gongadse-Affäre. Es ist ein mit Leichen gepflasterter Weg. Das Gestrüpp der Nomenklatura ist dicht. Bei Wahrung einer demokratischen Fassade herrscht eine strikte Hierarchie des Wissens. Versuche, Korruption und andere Verbrechen öffentlich zu machen, enden nicht selten mit tödlichen „Unfällen“ wichtiger Zeugen. Aber: „Im vorletzten Moment ging die fügsame ‚Nation aus Plastilin’ auf die Straße. Mehr als vier Jahre vor den Ereignissen auf dem Majdan kam es zu den ersten Kraftproben“, schreibt Wolfgang Templin.
Sodann schildert er die Hoffnungen und Realitäten nach dem Majdan und die politischen Entwicklungen vom Januar 2005 bis zu den Parlamentswahlen im März 2006, vor allem aus der Sicht derer, die die Revolution in Orange begleitet und mitgetragen haben. Ihnen gilt seine Sympathie, ohne dass er den kritischen Blick auf die Fehler ihrer Anführer verliert. Der stets auf Ausgleich bedachte Präsident Juschtschenko bereitet Templin Bewertungsschwierigkeiten: „Hingen seine Ankündigungen, denen dann keine Taten folgten, mit seiner physischen und psychischen Situation nach der Vergiftung zusammen oder waren sie Ausdruck grundlegender Charakterzüge?“ Unvereinbar mit seiner schwindenden Hausmacht „Nascha Ukraina“ scheint die Unnachgiebigkeit und Konsequenz von Julia Timoschenko, die bis heute die konsolidierteste Partei hat. Wie der Wahlfälscher von 2004, Viktor Janukowitsch, mit seiner Partei der Regionen wieder erstarken konnte, wie sich die Sozialisten unter Oleksandr Moros auf seine Seite schlagen, erzählt der Autor so spannend, dass man sich eher in einen Roman als in ein Sachbuch vertieft wähnt.
„Abschied vom Majdan?“ ist die bilanzierende Fragestellung, der sich Templin im letzten Kapitel des Buches annimmt. Er beleuchtet das Innenleben der Parteien nach der Wahl und liefert Erklärungsversuche für die Schachzüge und Ränkespiele der Akteure. Deren Beziehungsgeflecht immer wieder zu entwirren, ist eine Stärke Templins. Sein Fazit: Das Wahlergebnis wies in die Richtung einer Fortsetzung der „Politik in Orange“ mit eindeutig europäischer Option. Er kreidet den ukrainischen Eliten Versagen an: „Sie haben diese Möglichkeit verspielt.“ Keiner war fähig und bereit, einen nationalen Einheitspakt zu schließen. Der Versuch, die gegensätzlichen Optionen auf höherer Ebene zu vereinen, ist misslungen. Auch die besonders in Westeuropa oft bemühte Erklärung, dass die Ukraine national in West und Ost gespalten ist, greift zu kurz. Zumindest den 300 Millionären unter den 452 Abgeordneten der Werchowna Rada dürfte es schwer fallen, die Entwicklung zu einer widerspruchsvollen, offenen Gesellschaft mit zu tragen geschweige denn zu gestalten. Die Bevölkerung scheint in ihrem demokratischen Bewusstsein schon weiter zu sein. Auf sie setzt Wolfgang Templin seine Hoffnungen für die Zukunft des Landes. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in der Ukraine muss sich aus ihr abermals eine politische Schubkraft entwickeln, die den oligarchischen Strukturen ein modernes Politikverständnis entgegensetzt.



Hans Winter: Berufsperspektiven im Handwerk, Kleffmann-Verlag, Bochum 2007, ISBN 978-3-87414-112-3, ? Euro.

Wissen, wohin man segeln will

Eine Ausbildung im Handwerk ist keine Sackgasse, vielmehr gilt die Lehre als Einstiegsqualifikation zum beruflichen Aufstieg. Wie die Schullaufbahn so wurden im Laufe der Zeit auch die Qualifikationsmöglichkeiten in den einzelnen Berufen modernisiert und den Bedürfnissen einer modernen Gesellschaft angepasst.
Dr. Hans Winter hat diese Entwicklung kontinuierlich verfolgt. Jetzt ist die sechste Auflage seines Buches „Berufsperspektiven im Handwerk“ erschienen. Darin hat Winter alle Möglichkeiten der Weiterbildung im Handwerk zusammengetragen, von berufsqualifizierenden Abschlüssen zwischen der Gesellen- und Meisterebene bis zu berufsübergreifenden Abschlüssen oberhalb der Meisterebene. Auf Zusatzqualifikationen im EDV-Bereich geht der Autor ebenso ausführlich ein wie auf Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten im europäischen Ausland. Hier hat auch bereits das neue Konzept „Europass Mobilität“ Eingang gefunden.
Nicht fehlen darf in dem umfassenden Leitfaden die akademische Perspektive. Winter, der 35 Jahre an den berufsbildenden Schulen in Herten arbeitete, erläutert ausführlich die Zulassungsbedingungen und Fördermöglichkeiten.
Die Publikation richte sich an „fortbildungswillige, leistungsstarke und aufstiegsorientierte Nachwuchskräfte im Handwerk“, schrieb der Autor bereits im Vorwort zur ersten Auflage, die 1999 erschien. Zur frühzeitigen Orientierung empfiehlt sich sein Werk fast selbstverständlich.



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